WER SCHWIRRT DENN DA?

Dieses schnittige Insekt mit pelzigem Körper und verhältnismäßig großer Spannweite fand ich in meiner Küche. Im Standardwerk „Insekten Mitteleuropas“ konnte ich nichts Vergleichbares finden. Können Sie mir weiterhelfen?

Da hat sich ein Großer Wollschweber (Bombylius major) in die Küche verirrt. Diese Art gehört zur Unterordnung der Fliegen (Brachycera), ist also beispielsweise mit den Stuben-, Schmeiß- und Schwirrfliegen verwandt – auch wenn man das auf den ersten Blick nicht unbedingt vermuten würde.

Mit ihrem plüschigen Äußeren könnte man die Tierchen eher für Hummeln halten. Und tatsächlich ist der Gattungsname dieser speziellen Wollschweber Bombylius auch eine Verkleinerungsform zum Gattungsnamen der Hummeln, Bombus. Ein wesentliches Unterscheidungsmerkmal ist im rasanten Flug kaum zu erkennen: die Anzahl der Flügel. Hummeln gehören zu den Hautflüglern (Hymenoptera) und haben zwei Flügelpaare, also insgesamt vier Flügel, während Fliegen den Zweiflüglern (Diptera) zugeordnet werden. Unterscheiden kann man Hummeln und Großen Wollschweber zudem, weil bei letzterem der Saugrüssel auch in Ruhestellung immer ausgestreckt ist.

Große Wollschweber sind völlig harmlos. Sie beißen und stechen nicht und übertragen auch keine Krankheiten. Gleichwohl machen sie sich ihre Ähnlichkeit zu den Hummeln oder anderen stark behaarten Insekten als sogenanntes Mimikry durchaus zunutze – das heißt, sie erwecken den Anschein, eine andere Tierart zu sein. So werden die Wollschweber in unmittelbarer Nähe zu den Nestern entsprechender Insektenarten akzeptiert, da sie für Artgenossen gehalten werden. Diesen Umstand nutzen Große Wollschweber zur Eiablage: 

Das mit einem Eipaket ausgestattete Weibchen berührt im Tiefflug den Boden, wodurch die Eier mit Sand ummantelt und so „getarnt“ werden. Mit einer Schleuderbewegung wird das Eipaket dann in den Nesteingängen von verschiedenen Wildbienen oder Grabwespen abgelegt. Nach dem Schlüpfen dringen die Larven in diese Nester ein. Dort parasitieren sie zunächst die Vorräte und später die Wirtslarven. Sofern das Weibchen des Großen Wollschwebers kein passendes Nest findet, legt es die Eier auf Pflanzen ab, die von den Wirtstieren besucht werden. Dort schlüpfen die Larven, klammern sich an Bienen oder Wespen und werden von diesen in die Nester transportiert.

Manfred Verhaagh, den Leiter unseres Referates für Entomologie, wundert die Sichtung des fliegenden Pelzbüschels übrigens nicht. Er weiß: Wollschweber sind ziemlich häufig in Deutschland. Auch in seinem eigenen Garten konnte er in diesem Frühjahr bereits einige beim Herumschwirren beobachten.

Der Große Wollschweber kommt in trockenen gebieten genauso vor wie in sehr feuchten und ist dort ein wichtiger Bestäuber. Als sogenannter generalistischer Bestäuber hat er keine Präferenz für einzelne Pflanzenarten und steuert Vertreter zahlreicher unterschiedlicher Pflanzenfamilien an. Den Nektar nimmt er auf, während er – wie ein Kolibri – vor den Blüten schwirrt. Allerdings begeht diese Art vereinzelt auch sogenannten „Nektardiebstahl“. Dabei ritzt sie kleine Öffnungen seitlich in die Blüten, um an den Nektar zu gelangen, umgeht aber einen Kontakt mit dem Pollen und trägt damit nicht zur Bestäubung der Blüte bei.      

In der Insektensammlung des Museums lagern übrigens 13 paläarktische Arten aus der Gattung Bombylius, zu der auch der Große Wollschweber gehört. „Paläarktisch“ heißt, dass diese Arten in der sogenannten Paläarktis vorkommen – diese zoogeographische Region umfasst traditionell Europa, Nordafrika und große Teile Asiens.